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Rerik in der Literatur
Auf Grund der Vielzahl der Anfragen, die wir jeden Monat zum Buch von Alfred Andersch
"Sansibar oder der letzte Grund" bekommen, möchte wir hier an dieser Stelle einige "Verwirrungen"
auflösen und Ihnen einen Vergleich zwischen dem realen Rerik und dem fiktiven Rerik aus dem Roman präsentieren.
Wir danken insbesondere Herrn Niggemeier für die Bereitstellung
dieser umfassenden Abhandlung zu dieser Thematik. (Diese Texte unterliegen dem Urheberrecht. Lesen Sie hierzu das Impressum.
Fiktives Rerik und reales Rerik im Vergleich
- Rerik und Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund -
(von Friedhelm Niggemeier)
Der Roman:
Alfred Anderschs 1957 erschienener Roman spielt im Jahre 1937 an nur einem Tag in dem kleinen an einem
Salzhaff gelegen Fischerort Rerik, nordöstlich von Wismar. Der Ort ist Ausgangspunkt für Fluchtvorhaben verschiedener
Menschen, aus deren Perspektiven die Handlung erzählt wird. Alle Personen sind eingebunden in die damaligen
gesellschaftlichen Verhältnisse des Nationalsozialismus:
- Der Pfarrer Helander, der die in seiner Kirche sich befindende Plastik "Lesender Klosterschüler" eines "entarteten" Künstlers vor dem Zugriff und der Vernichtung retten will.
- Die Jüdin Judith, deren Überleben nur durch die Flucht über die Ostsee ins Ausland gesichert ist.
- Gregor, ein im Untergrund lebender kommunistischer Funktionär, der durch die Begegnung mit dem Kunstwerk die Grenzen der Freiheit in seiner Partei erkennt und die Flucht organisiert.
- Der Fischer Knudsen, der sich von der kommunistischen Partei gelöst hat, lebt in Angst vor der Verhaftung seiner geistesverwirrten Frau. Mit Hilfe seines Bootes wird die Flucht erst möglich.
- Der 16-jährige Fischerjunge, der von der weiten Welt und der Insel Sansibar träumt, freut sich, dass endlich in Rerik etwas los ist.
Rerik: real oder fiktiv?
Dem aufmerksamen Besucher des Ostseebades Rerik wird sofort auffallen, dass das reale wirkliche Rerik
nicht Handlungsort des Romans sein kann. Es gibt zwar einen Hafen, auf dem aber keine großen Schiffe nach
Schweden fahren können, sondern nur wenige Fischerboote, Yachten und einen Ausflugsdampfer im flachen,
maximal drei Meter tiefen Wasser des Haffs. Es gibt auch keinen Bahnhof, in dem Judith von Lübeck angekommen
sein könnte. Auch die Suche nach den im Roman beschriebenen sechs Türmen der fünf Kirchen ist schnell abgeschlossen.
Rerik hat nur eine Kirche mit einem mächtigen Westturm. Betritt der Besucher das evangelische Gotteshaus aus der
Zeit der Gotik, so ist er zwar beeindruckt von der barocken Innengestaltung, aber die Suche nach dem "Lesenden
Klosterschüler" verläuft ergebnislos. Die Enttäuschung ist perfekt, wenn er wieder zum Wasser geht, um vielleicht
in das im Buch beschriebene Gasthof zum "Wappen von Wismar" wie Judith einzukehren. Dieses gibt es ebenfalls nicht.
Ein Erlebnis wird dem Besucher aber eindrucksvoll an Anderschs Roman erinnern. Besteigt er die Anhöhe auf den Dünen
hat er einen beeindruckenden, sogar überwältigenden Blick einmal auf das offene Wasser der Ostsee, zum anderen auf
die schmale Landzunge der Halbinsel Wustrow, die das südliche liegende Salzhaff von der Ostsee trennt.
Auf der Suche nach den realen Handlungsorten
Wer Alfred Anderschs Roman finden will, muss mehrere Orte in Mecklenburg-Vorpommern aufsuchen. Für den
Autor war die Begegnung mit dieser Landschaft ein wesentlicher Grund zum Schreiben des Romanes, wie er in
einem Interview auf die Frage nach der Entstehung des Romanes ausführt: "Durch die immer anhaltende,
allmählich eine Art magische Qualität annehmende Erinnerung an eine Wanderung, die ich im Jahre 1938 an der
mecklenburgischen Ostseeküste unternahm." (Binek, Horst, 1962, S. 122). In seinem biografischen Roman Die
Kirschen der Freiheit (S. 56) thematisiert er diese Erinnerung erstmals literarisch überhöht: "Suchte das Meer
auf, das ich nun endlich sah, grellblau hinter den roten Riesentürmen von Wismar."
Wismar
In Wismar gibt es einen Bahnhof. Hier kommt Judith im Roman mit dem Zug aus Lübeck an. Sie ist enttäuscht
von diesem Ort: "...er war klein und leer, leer und tot unter seinen riesigen Türmen...Von diesen Türmen war nichts zu
erwarten.". Deshalb geht sie durch die Stadt hindurch zum Hafen. "Dort konnte sie ein Stück von der
offenen See erblicken. Die See war blau, ultramarinblau und eisig." (S.19f) Am Hafen könnten einige Gasthäuser
als "Wappen von Wismar" mit Blick auf den Kai herhalten. Neben dem Werft- und Kalihafen gibt es auch einen
Überseehafen, von dem aus auch größere Schiffe den Ostseeraum befahren. Der Alte Hafen dient heute noch, wenn auch
nur noch im geringen Maße, als Fischerhafen. Andersch lässt Gregor das Panorama der Stadt mit seinen fünf "maßlosen
Ziegelkirchen" (S. 11) so beschreiben: "Sie war nichts als ein dunkler, schieferfarbener Strich, aus dem die
Türme aufwuchsen...sechs Türme. Ein Doppelturm und vier einzelne Türme, die Schiffe ihrer Kirchen weit hinter
sich lassend, als rote Blöcke in das Blau der Ostsee eingelassen, ein riesiges Relief." (S. 22). Sie sind heute
nur zum Teil noch erhalten. St. Georgen ist Helanders Kirche, auf deren Querschiffwand der Pfarrer vergeblich
auf ein Schriftzeichen Gottes wartet:"..Dreißigtausend Ziegel als nackte Tafel. ohne Perspektive, zweidimensional,
braunes Rot, schieferfarbenes Rot, gelbes Rot, blaues Rot, zuletzt nur ein einziges dunkel phosphoreszierendes Rot".
(S. 10). Die Kirche, im Krieg stark zerstört, wird zurzeit wiederhergestellt. Aber auch in ihr würde man den
"Klosterschüler...am Fuß des nordöstlichen Pfeilers der Vierung" nicht finden (S. 29). Als weitere Kirche
erwähnt Andersch die Nicolai-Kirche, die, da unzerstört, heute noch einen grandiosen Eindruck der norddeutschen
Backsteingotik vermittelt. Die Suche nach dem Klosterschüler führt letztendlich nach Güstrow.
Güstrow
In Güstrow lebte und arbeitete Ernst Barlach (1870 - 1938). Dort findet man seine Plastik "Lesender Klosterschüler",
entstanden im Jahre 1930, in der Gertrudenkapelle. Der Kirchenraum ist jetzt Ernst-Barlach-Gedenkstätte.
Die Plastik ist, wie im Roman, aus Holz geschnitzt, und mit 115 cm mehr als doppelt so groß wie im Roman
angeben. Andersch musste sie "verkleinern", denn sie sollte transportabel für die Flucht sein. Betrachtet
man sie, sollte man Anderschs Beschreibung - im Roman von Gregor gegeben (S. 42ff) - zur Hand haben. Selten
hat ein Dichter so einfühlsam eine expressive Skulptur beschrieben. Nur hier kann man Gregors Erkenntnis
nachvollziehen: "Ich habe einen gesehen, der ohne Auftrag lebt. Einen, der lesen kann und dennoch aufstehen
und fortgehen." (S.43f.) In Güstrow verdichten sich dann auch Barlachs Erfahrungen mit den Anderen (im Roman
werden die Nationalsozialisten so gekennzeichnet). Sein Ehrenmal für die Toten des Ersten Weltkrieges, der
"Schwebenden Engel" im Güstrower Dom, entstand in den Jahren 1926/27, ist ein Nachguss. Das Original wurde
1937 als "entartet" konfisziert und eingeschmolzen. 381 seiner Werke werden beschlagnahmt. Er erhält ein
Austellungsverbot. Dieses Ereignis dürfte Anderschs u.a. auch motiviert haben, den Roman zu schreiben.
Das Haff
Rekonstruiert man die Fahrten des Fischerbootes und des Beibootes des Jungen, so steht das Haff im Mittelpunkt
der Flucht. Problematisch wird die genaue Rekonstruktion der Wege und Fahrten. Das Salzhaff beginnt in Rerik.
Nordwestlich wird es von der Halbinsel Wustrow begrenzt. Diese läuft im Süden in eine lange schmale Landzunge
aus, wegen der Schiffsform als "Kieler Ort" bezeichnet. Im Osten wird das Haff durch das Festland südlich von Rerik
begrenzt. Mit dem Beiboot transportiert der Junge Gregor, Judith und den Klosterschüler über das Haff zur "Lotseninsel"
(S.85). Knudsen erläutert sie Gregor: "Die Lotseninsel ist keine richtige Insel... sie ist bloß eine lange Halbinsel." (S. 88)
Die Lotseninsel gibt es jedoch nicht hier, sondern in Schleswig-Holstein. Im Haff selber gibt es keine Insel. Südlich,
außerhalb des Haffs, befindet sich die Vogelinsel, die der Insel Poel vorgelagert ist. Knudsen fährt aus Sorge über eine
Entdeckung durch das Zollboot mit dem Fischerboot aus dem Haff heraus und wartet auf der Seeseite der Halbinsel. Gregor
trägt "das Bündel mit der Figur" (S.121) von Helanders Georgen-Kirche in Rerik (die es in der Realität in Wismar gibt)
aus zusammen mit Judith zur östlichen Haffseite, zu den am Ufer im Beiboot wartenden Jungen. Diese Wegentfernung ist nicht
zu weit, als dass sie mit dem Last der Figur auf der Schulter zu schaffen wäre. Von Wismar bis zum Salzhaff beträgt die
Entfernung dagegen ca. 18 Kilometer.Sie fahren zunächst entlang des Ufers. Gregor sieht den Lichtstrahl des Leuchtturms.
"Gegen das Haff zu war das Lampengehäuse des schwarz und weiß gebänderten Turmes abgeschirmt" (S. 124). Zwei Leuchttürme
gibt es im näheren Umkreis von Rerik: der erste, rot mit Backsteinen abgesetzt, steht bei Bastorf, 6 km östlich von Rerik.
Sein Licht ist vom Haff aus zu sehen. Der andere, schwarz-weiß - wie der von Andersch beschrieben - befindet sich im kleinen
Fischerhafen Timmendorf an der Westküste der Insel Poel, 19 km südwestlich von Rerik und 12 km nördlich von Wismar. Dieser
strahlt sein Licht von Nordost bis Südwest. Er dient den Schiffen zur Orientierung, die nach Wismar einlaufen wollen.
Sein nordöstliches Licht bestreicht nicht das Salzhaff. Auch dies deckt sich mit der Beschreibung im Buch. Dennoch,
die Realitäten stimmen nicht mit dem Buch überein, denn Gregor konnte vom Haff aus die "Lichter von Rerik" nicht sehen:
"das südliche Ufer des Haffs verbarg die Stadt, die in einer weiteren kleinen Bucht landein lag." (S.124). Die Lichter
des realen Rerik, das nördlich des Haffs liegt, sind vom Haff aus zu sehen. Südwestlich des Haffs befindet sich die
Insel Poel und erst dahinter Wismar, am Ende der schon erwähnten Wismarer Bucht. Vom Haff aus ist Wismar nicht zu sehen.
Das Ruderboot überquert das Haff an der schmalsten Stelle. Von der östlichen Seite der Landzunge gehen der Junge, Judith
und Gregor mit dem Klosterschüler über die schmale Halbinsel, um zu Gregors Fischerboot auf der westlichen Seite der
Halbinsel mit dem offenen Meer zu gelangen. Gregors Rückweg soll nach Knudsens Aussage "zu Fuß" (S.88) durch Wasserläufe
mit "seichten Stellen" (S. 90) erfolgen. Dies ist in der Realität bei einer maximalen Wassertiefe des Haffs von drei
Metern jedoch nicht möglich.
Rerik
Rerik ist fiktiver Handlungsort des Romans. Rerik vereinigt sowohl Wismar mit seinen Türmen und den Übersee- und
Fischereihäfen und Güstrow mit der Hauptfigur des "Lesenden Klosterschülers" als auch das Haff als Weg in die
Freiheit, sowohl für die Plastik als auch für die Jüdin Judith. Der Roman ist keine Dokumentation konkreter
Ereignisse und bestimmter Örtlichkeiten. Andersch fixiert Strukturen der Zeit des Nationalsozialismus
(Judenverfolgung, "Entartete Kunst", christlicher und kommunistischer Widerstand, Euthanasie) in den kleinen
Fischerort Rerik an der Ostsee. Rerik ist Sinnbild einer Kleinstadt im Dritten Reich, in der Menschen nicht nur
gelähmt und ohnmächtig vor den Anderen sind, sondern in der Menschen sich wandeln und handeln, um ihren Anteil
am Widerstand zu leisten. Rerik ist Sinnbild der aktiv Helfenden (Gregor, Helander und indirekt auch Knudsen)
und der Opfer der Anderen ( der "Lesende Klosterschüler" und Judith, aber auch Knudsens geistesverwirrte Frau).
Schließlich ist Rerik auch die Welt des Jungen, der Jugendlichen, die von "Sansibar in der Ferne, Sansibar hinter
der offenen See" (S. 82) träumen dürfen.Nachempfinden kann der Besucher Reriks dieses Gefühl bei einer Fahrt mit
dem Ausflugsdampfer über das Haff.
Literatur
Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund, Zürich 1970, (Diogenes Taschenbuch Nr.20055, Zitate nach dieser Auflage); Erstveröffentlichung: 1957
Alfred Andersch: Die Kirschen der Freiheit, Zürich 1971, Erstveröffentlichung: 1952
Horst Bienek: Werkstattgespräche mit Schriftstellern, München 1962, S. 113 - 124
Stephan Reinhardt: Alfred Andersch, Eine Biografie, Zürich 1996
Bernhardt Jendricke: Alfred Andersch, rororo-Bildmonographie, Reinbek 1994
Fred Müller: Sansibar oder der letzte Grund, Interpretationen mit Unterrichtshilfen; München 1988
Friedhelm Niggemeier: Alfred Andersch, Sansibar oder der letzte Grund, Unterrichtsmaterialien Sek. I, Aachen 1999
Friedhelm Niggemeier: Auf den Spuren von Alfred Andersch und Ernst Barlach - "Sansibar oder der letzte Grund" und "Der Lesende Klosterschüler", Godewind Verlag 2005
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